Meine mittäterschaft

Geschrieben am 14. November 2010. Einsortiert unter: Gedanken | Tags:, , , , |

„Scheiße, ich brauche geld“. Ich stehe in Ludwigshafen vor dem Rathaus Center, vor mir scheint so etwas wie eine fußgängerzone zu sein. Kein plan, ich kenne mich hier nicht aus und mir wäre für gewöhnlich auch egal, ob das eine shopping-meile ist oder eine reihenhaussiedlung. Fakt ist, dass ich mit dem auto da bin und ich vergessen habe auf die bank zu gehen und jetzt kein geld habe, den blöden kassenautomaten zu füttern. Ich ärgere mich, dass ich nicht wie beabsichtigt mit dem zug gekommen bin, das wäre viel einfacher gewesen, aber alles jammern nützt nichts, ich brauche eine bank. Eine Sparkasse soll es sein, schließlich werfe ich nur ungern einer ‘fremden’ Bank die verwaltungsgebühren in den rachen.

Ich setze ein paar schritte nach vorne, die treppe am Rathaus Center hinunter, und schaue mich um. Auf dem boden liegen leere getränkedosen, kinder spielen unter einem alten baum in einem riesigen blätterhaufen, der ordentlich zusammengekehrt wurde, sich aber durch den wind wieder großflächig auf der straße verteilt. „Das wirkt nicht sehr einladend“, denke ich mir noch und laufe weiter. Erst dann fällt mir der trommelrhythmus auf, der durch die straßen dröhnt. Ich kann etwa einhundert meter weiter eine bühne sehen, auf der viele männer in blau-weißen uniformen trommeln. Was das zu bedeuten hat, sehe ich einige meter weiter: Straßenfastnacht Ludwigshafen. Ist es für Fastnacht nicht noch viel zu früh, die kampagne hat doch gerade erst vor wenigen tagen angefangen? Verkleidete, junge frauen tanzen mit passant_innen, verkleidete junge männer stehen an stehtischen mit einem plastikbecher bier in der hand und freuen sich. Die stimmung scheint gut zu sein, eine menschenmenge steht um die bühne herum und strahlt, klatscht begeistert, wenn die trommelgruppe ein stück zu ende hat. „Leitkultur, pah!“, denke ich noch und laufe weiter. Die kann mir doch gestohlen bleiben.

Währenddessen laufe ich an großen und kleinen banken vorbei, an bekannten und eher unbekannten, doch nirgendwo ist eine Sparkasse in sicht. So langsam komme ich auf die idee, einfach mal jemanden zu fragen. Doch ca. 300 meter weiter sehe ich ein großes rotes schild, das stark nach Sparkasse aussieht. Also weiter laufen.

Ich umrunde ein größeres gefährt der Ludwigshafener Stadtwerke, keine ahnung, wozu das gehört. Jedenfalls stehen einige männer in orangefarbener kleidung unten und oben auf dem schwenkkran und hängen lichterketten auf, für weihnachten. „Ich brauche doch mitte november noch keine weihnachtsstimmung, advent ist im dezember und so. Scheiß leitkultur“. Vierzig schritte weiter der selbe gedanke, als die kirchturmglocke die vollendete sechzehnte stunde des tages mit sechzehn glockenschlägen ankündigt, die mich aufschrecken lassen. Ich denke darüber nach, wie ungern ich Sonntag morgens von dieser glocke geweckt werden würde, wenn sie ihre schäfchen zum gottesdienst ruft.

Plötzlich sehe ich, dass das rote schild zu einer bäckerei gehört und sich in allen richtungen (ich habe auch in die seitlich abgehenden straßen geschaut) immer noch keine Sparkasse befindet. „Jetzt muss ich jemanden fragen, sonst suche ich noch bis morgen früh“. Ich sehe mich nach einer potenziellen ortskundigen um, frauen wissen über solche dinge prinzipiell besser bescheid und reagieren auch freundlicher auf nicht-ortskundige. Doch um mich herum kann ich kein deutsches gespräch vernehmen. Hm, weitersuchen. Drüben auf der anderen seite der füßgängerzone steht eine familie mit drei kindern, die könnte ich fragen, drehe aber zwei meter vor ihnen schlagartig um, als ich wieder eine für mich unverständliche sprache vernehme. Schließich sehe ich ein schaufenster weiter eine ältere dame, nehme allen mut zusammen und bin kurze zeit später schlauer. „In 200 metern auf der rechten seite, da befindet sich die kreissparkasse“, hilft mir die nette frau weiter, lacht und ich bin glücklich.

Mission erfüllt, jetzt noch die einkaufsstraße zurück, an der kirche, der lichterkette und der verfrühten faschingsgesellschaft vorbei, hoch ins parkhaus und ab nach hause. Die trommelgruppe trommelt „Smoke on the Water“ und ich merke, wie meine hände im takt mitwippen.


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